Geldhahn zudrehen
Wenn das Blut im Schwanz steckt und nicht mehr in der Birne, machen
Männer merkwürdige Sachen. So zücken sie im Internet bedenkenlos
ihre Kreditkarte, um die Daten in den Browser einzuhacken. Und das nur,
weil ihnen anonyme Schönheiten grenzenlosen Sex hinter dem eisernen
Vorhang versprechen. Der Katzenjammer hinterher ist groß.
Zittrige Hände tasten nach der Brieftasche. Ziehen
einen Stapel Plastikchips heraus. Die EC-Karte fliegt in die Ecke. Die
Bahncard landet im Aschenbecher. Die Fotos der Familie verstreuen sich
über den Schreibtisch. Da endlich ist sie, die Kreditkarte. Im Stakkato
wird ihr Zahlencode in den Web-Browser getippt, sozusagen als Sesam-Öffne-Dich-Code
für die letzte Blockade, die den Mann an sich von seinem Paradies
trennt. Das Versprechen, das Männer über jede Vernunft hinwegsehen
und ihre Kreditkartendaten im Netz preisgeben lässt, heißt
Sex. Die einschlägigen Sexclubs locken mit vielen tausend gestochen
scharfen Pornobildern. Mit Live-Kameras, in denen man spannen kann, bis
einem die vertrockneten Augen rausfallen. Mit Videofeeds, so zahlreich,
dass keine Videothek da noch mithalten kann. Bunte Vorschaubilder, auf
denen das entscheidende Detail im Verschleierungsfilter verschwindet,
machen mit blinkenden Texten auf das Sex-Eldorado aufmerksam Teaser,
die nichts zeigen und alles versprechen. Meist sind die Kerle da schon
stundenlang mit einem Ständer durchs Web geritten, immer auf der
Suche nach einer Gelegenheit, mehr zu sehen, Befriedigung zu finden. Wenn
die nicht kommt, nimmt die Geilheit überhand und der Verstand
setzt aus. Die Leute werden Mitglied in einem Sexclub.
Nachher, bei einer Zigarette, kommt der Online-Katzenjammer.
Oft, weil Angst davor aufkeimt, wer nun auf verschlungenen Wegen alles
in den Besitz der Kreditkartendaten gekommen ist. Oft auch, weil sich
hinter dem bunt blinkenden Portal im Las-Vegas-Stil nur eine Bruchbude
von einem Pornoclub versteckt hat, die gerade einmal ein dutzend unscharfe
Fotos und einen einzelnen gescannten Pornofilm präsentiert. Und dafür
dann 30 Dollar im Monat löhnen? Neeeh...
Das Sexeln im Internet kann ein dreckiges Geschäft
sein. Das gilt vor allem im englischsprachigen Bereich, wo es kaum noch
Regeln gibt und jeder macht, was er will. Kunden abzocken gehört
hier oft einfach zum guten Ton mit dazu. Das ärgert die, die das
Geschäft mit dem Sex ehrlich meinen aber wie möchte man
die von den anderen unterscheiden? Das ist den Kunden, die im Aftermath
of the orgasm schmoren, scheißegal. Sie möchten nur noch
ihre Kohle wiederhaben, oder zumindest den Dauerauftrag für den nächsten
Monat killen.
Wer beim Web-Onanieren nicht genau Buch darüber
geführt hat, wo er wann im Taumel der Triebe hektisch eine Mitgliedschaft
gebucht hat, steht auf dem Schlauch: Wie soll man eine Mitgliedschaft
kündigen, wenn man gar nicht mehr weiß, wo man sie abgeschlossen
hat? Selbst wer es weiß: Viele Sexclubs bieten, tataa, erst gar
keinen Link zum Kündigen an. Klar, dass man so etwas immer erst hinterher
merkt.
Noch halbwegs ruhig warten die meisten Abgezockten dann
auf den Auszug der Kreditkartengesellschaft. Hier muss ja vermerkt sein,
wer da abbucht. Ist es aber nicht. Wir haben Zettel gesehen, da stand
ein 3-Buchstaben-Kürzel, dann die abzubuchende Summe und abschließend
eine Telefonnummer in den Staaten. Rief man da an, meldete sich eine Telefonsex-Hotline
vom Band. Gebührenpflichtig natürlich. Na prima. Und die Auskunft
vom Kreidtkartenunternehmen meinte nur lapidar, sie könne keine einzelnen
Aufträge sperren, sondern müsse dann gleich die ganze Karte
einziehen.
Für alle Leidensgenossen unter den Erotomanen
es gibt Hoffnung. Immer mehr internationale Sexclubs möchten sich
nicht mehr die Mühe machen, die Gelder der Mitglieder selbst einzutreiben.
Sie beauftragen einfach ein anderes Unternehmen damit. Etwa iBill (www.ibillCS.com),
deren URL oft auf den Abrechnungen auftaucht. Gibt man diese URL in den
Browser ein, landet man auf der Homepage der Firma. Und hier kann man
seine Mitgliedschaft stornieren auch wenn man gar nicht mehr weiss,
wo man sie überhaupt abgeschlossen hat. Einfach die Kreditkartennummer
eingeben und einen Zahlencode vom Kontoauszug mit abtippen, das reicht
bereits aus. Schade nur, dass diese seriös erscheinenden Zahlungssysteme
nicht von allen Anbietern eingesetzt werden.
Hier bei uns im deutschsprachigen Erotik-Web ist die
Szene kleiner und schwarze Schafe fallen schneller auf. Hinzu kommt, dass
die deutschen Anwender sehr vorsichtig mit ihrer Kreditkarte sind. Der
neue Trend im allemannischen Sexweb geht deswegen in eine andere Richtung:
Immer häufiger muss der Besucher bei einer gebührenpflichtigen
Homepage nicht mehr die Kreditkarte zücken. Sondern er ruft eine
gebührenpflichtige 0190er Nummer an wie beim Telefonsex. Am
Ende von ein paar Minuten Gesabbel à 4 Mark pro Minute bekommt
der Kunde ein Passwort mitgeteilt. Dann hat er bereits 10, 20 oder 30
Mark Telefonkosten bezahlt und sich somit ehrlich gemacht. Mit
dem Passwort kann ein geschützter Webbereich betreten werden. Das
Gute an der Sache: Der Anwender gibt keine privaten Daten preis und kann
nicht übers Ohr gehauen werden. Er muss nur seiner besseren Hälfte
erzählen, was die teure 0190er-Zeile auf einmal in der Telefonrechnung
zu suchen hat.
Ein Bericht von Carsten Scheibe, www.typemania.de
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