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Ein Wagentreck mit mehr als 20.000 Künstlern, Freaks und Gaffern zieht derzeit in die Wüste Nevadas.
Ziel ist Black Rock City, eine Zeltstadt, die nur für wenige Tage im Jahr existiert. Hier findet das legendäre "Burning Man Festival" statt.
Ganz klein und bescheiden hat das wohl berüchtigtste Happening der alternativen Kunstszene angefangen: Larry Harvey hatte Liebeskummer und suchte nach einem Weg, diesen loszuwerden. So baute er mit Freunden eine Skulptur und setzte das Objekt am Strand von San Francisco in Brand. Spaziergänger und Strandläufer, die zufällig vorbeikamen, waren fasziniert von der Kombination aus Feuer und Kunst-Happening. "Da kann man was draus machen", dachte sich Harvey vor 16 Jahren und organisierte fortan das ‚Spektakel', an dessen Ende heute noch die Verbrennung möglichst großer Kunstobjekte steht.
Aus dem spontanen Happening ist inzwischen ein Festival-Krake geworden. Rund 20.000 Künstler, Ausgeflippte, Schaulustige und Langzeitfreaks werden zu dem Event erwartet, das in diesem Jahr unter dem Motto "Die sieben Zeitalter" steht und vom 27. August bis 3. September stattfindet. Der Weg zum Festival führt durch die kross gebackene Landschaft Nevadas, von Reno rund drei Autostunden in Richtung Norden. Gerlach (eine Texaco-Station, eine Bar und ein Supermarkt) heißt das letzte Kaff vor dem Wüstengelände, wo seit 16 Jahren das Burning Man Festival stattfindet. Wenn die Blechlawine auf dem Weg nach Black Rock City durch das 340-Seelen-Dorf rollt, macht der Pächter der Tankstelle das Geschäft des Jahres. Von den anderen Bewohnern werden die durchreisenden Burning-Man-Fans dagegen eher als Außerirdische wahrgenommen, unwillkommene Außerirdische. In der Woche vor dem Event streuten die Gerlacher daher das Gerücht, dass es bei den Aufbauarbeiten ein Todesopfer gegeben habe. Allerdings wusste der zuständige Deputy auch zwei Tage nach dem angeblichen Vorfall nichts von einem Unfall zu berichten.

Die Veranstalter sind, allen Falschmeldungen zum Trotz, extrem vorsichtig - sie sind aus Schaden klug geworden. Immer wieder kamen Neulinge, von den Veteranen "Newbies" genannten, zu Schaden, indem sie beispielsweise ohne Sonnenschutz durch die Mittagshitze spazierten und schlicht austrockneten. "Besonders gefährlich sind auch Autofahrten auf dem Veranstaltungsgelände", berichtet Burning Mans Pressesprecherin Stephanie. "Wir haben immer wieder Autounfälle gehabt." Bei meilenweiter Sicht und freier Bahn in alle Richtungen kann das eigentlich nur auf drogenbenebelte Fahrer zurückgeführt werden.

Tatsächlich vollführen die Veranstalter einen wackeligen Spagat zwischen den drogenfeindlichen Gesetzen Nevadas und den drogenfreundlichen Späthippies und Computerfreaks, die den Löwenanteil der Teilnehmer ausmachen. "Exzess ja, aber bitte haltet euch an die Gesetze des Staates", appelliert eine Art "Überlebensbroschüre", die am Eingang des Camps ausgegeben wird. Und wer seine Kunst am letzten Abend verbrennen will, der soll gefälligst einen Feuerlöscher mitbringen, weisen die Veranstalter an.

Für viele Burner ist die Woche in der Wüste von Nevada der halbe Jahresurlaub. Da muss man es folglich gehörig krachen lassen. "Die Nüchternen sind eine winzige Minderheit unter den ansonsten völlig zugedröhnten Burnern", sagt "ZaphodB", der sich nach einer zweiköpfigen - und daher besonders trinkfesten - Romanfigur benannt hat. Das "Rahmenprogramm", dessen Höhepunkt die Verbrennung einer meterhohen Skulptur ist, interessiert ihn nicht. Für die Objekte gilt: Ausgefallen ist gut, größer ist besser. Freitragende Dome aus Holz und Metall wabern in der Hitze. Einige Konstruktionen für Burning Man ragen bis zu 20 Meter hoch in den Himmel über der Wüste. Unter den größeren Skulpturen, die in diesem Jahr brennen werden, ist auch das Wrack des russischen Atom-U-Boots "Kursk".

Doch selbst wer auf dem Fahrrad und mit ausreichend Wasser unterwegs ist, kann unangenehme Überraschungen erleben: Plötzliche Stürme, die einem den feinen Staub in die Nase pusten, gehören zum Campalltag. Ebenso wie heftige Regengüsse, die das Areal in kürzester Zeit in eine Schlammwüste verwandeln. Wohl dem, der die Skibrille eingepackt und für sein Wohnmobil eine Zusatzversicherung gegen ungewöhnliche Verschmutzung abgeschlossen hat. "Den Wohnwagen kann man nach dieser Woche eigentlich wegschmeißen", sagt Jen, die wieder mit nichts als Bodypaint am Leib zum vierten Mal beim Burning Man dabei ist. Jen sagt, beim Festival gebe es eine ideale Gesellschaft auf Zeit, in der Geld keine Rolle spielt, richtig nerven sie nur die zunehmend langweiligen "Touristen", die auch die hohen Eintrittsgelder an der Tageskasse nicht abschrecken.

Die Touristen - auch "Bozos" genannt - sind der Graus der Späthippies, die neben Kunst und Happening vor allem den Rausch und die freie Liebe suchen. Melissa ist ein bekennender Newbie, will aber auf keinen Fall ein Bozo sein. "Ich habe gehört, dass Veteranen die willkommen heißen, die ein ausgefallenes Projekt oder wenigstens ein witziges Kostüm mitbringen." Darum hat sie ein riesiges "Newton-Pendel" - ein Metallrahmen mit vier Meter Kantenlänge - dabei. Fünf Bowlingkugeln hängen an Drahtseilen in einer Reihe in dem Rahmen. Wenn man eine der äußeren Kugeln anhebt und dann nach unten sausen lässt, geht die Energie mit einem gewaltigem Klacken in die anderen Kugeln über. Etwa 20 Sekunden lang dauert der infernalische Lärm, dann kommt das Pendel zum Stillstand. Der langweilige Laie staunt und hält sich die Ohren zu.

Auch Cathy und ihr Freund Jerome haben monatelang an ihrem Beitrag gebastelt: Ein lebensgroßer "R2D2", der Kleinere von den zwei vermeintlich schwulen Robotern aus "Star Wars". Die beiden arbeitslosen Computerfreaks haben extra ihre Europareise unterbrochen, um an dem Event teilzunehmen. "Der US-Zoll war ein bisschen pingelig mit R2, aber schließlich hat man uns drei doch einreisen lassen", erzählt Cathy. Auch sie ist das erste Mal in Black Rock City dabei. Bloß mal gucken war ihnen nicht genug. Deshalb haben sie einer schwedischen Mülltonne zu neuem Glanz verholfen. Bloß kein Bozo sein!

Neben dem lebensfeindlichen Klima und dem missgünstigen Nachbarn - je nach Lager grantiger Veteran oder phantasieloser Bozo - kann dem Teilnehmer dann eigentlich nur noch eins die Laune verderben: der Umstand, dass für Zehntausende Camper nur ein paar Dutzend Dixie-Klos herumstehen.


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